„Wem bes dou da?“ Hausnamen

Bericht über die alten Hausnamen im Dorf
vorgetragen am ersten Seniorentag im neuen Bürgerhaus

Durch die Beschäftigung mit dem alten Wasserrohr, das beim Bau des Bürgerhauses gefunden wurde, ist ein Stück Dorfgeschichte aus der Vergangenheit aufgetaucht. Und wenn die älteren Mitbürger ihre Erinnerungen an Brunnenstuben, Brandweiher und vieles andere erzählten, wurde uns deutlich bewußt, daß uns nur noch sehr wenig Zeit bleibt, etwas von dem zu erfahren und aufzuschreiben, „wie et frea su woar“ in unserem Dorf und was inzwischen unwiederbringlich verschwunden ist.

Wir sind nämlich die Letzten, die sich noch an so manches aus früheren Tagen erinnern können, denn in unserer Zeit haben sich die Verhältnisse und Lebensumstände radikaler gewandelt als je zuvor innerhalb eines Menschenlebens. Während sich im bäuerlichen Leben jahrhundertelang nur sehr wenig verändert hat, vollzog sich in den letzten Jahrzehnten die technische Entwicklung und damit die Umwandlung der gesamten Lebensweise in rasanten Schritten.

Der Weg ging

  • vom Ollischlicht – bis zur komputergesteuerten Beleuchtungsanlage,
  • von da Keh vierem Plooch un dem Waan, mit denen man stundenlang brauchte, um die kleinen Felder zu erreichen und zu beackern – bis zum klimatisierten Super-Traktor mit Radio, der an einem Tag mehr Land bewirtschaften kann, als mehrere Bauern zusammen zu unserer Kinderzeit überhaupt besaßen,
  • und vom Strooße gie – bis zum Fernsehen …

Der Weg ging Jeder kennt diese und hundert andere Beispiele. – Man hat eine ganze Menge Anpassung, Umlernen und Fortschritt von uns verlangt!

Eine der auffallenden Veränderungen im Dorfleben ist, daß die alten Hausnamen mehr und mehr verschwinden.
Wir haben deshalb einmal versucht, den Bestand der Häuser von Zilshausen um das Jahr 1940 und ihre alten Hausnamen aufzuzeichnen.

In meiner Kindheit verbrachte ich fast alle Ferien in Zelse, und es scheint mir interessant, daß ich zwar fast jeden Hausnamen, aber kaum einen „richtigen“ Familiennamen kannte.

Wenn ich damals gefragt wurde: „Wem bes dou da?“
dann war die Antwort: „Hiestasch Toni sei Mädche“
Und wenn später mein Mann gefragt
wurde, machte es ihm Spaß zu sagen:
„Hiestasch Toni seinem Mädche seine Mann“

Um den Namen eines Dorfbewohners in unserer Gegend zu erfahren, konnte man – bis vor wenigen Jahren – zwei Fragen stellen:

„Wie nennt ma die?“ oder „Wie schräiwen die sich?“

Der „richtige“ Familienname war also eigentlich nur dann wichtig, wenn man ihn schreiben mußte, also:

wenn man ein amtliches „Schräiwes“ unterzeichnen mußte,
wenn man von Amts wegen „erfaßt“ oder eingetragen wurde (wegen Steuern z.B.)
oder wenn man einen schriftlichen Vertrag machte oder einen Handel übers Dorf hinaus betrieb.

Innerhalb des vertrauten Dorfalltags genügten der Vorname und der „Hausname“, d.h. der Name, der unabhängig vom jeweiligen Besitzer zum Haus gehörte und sich auf die ganze Familie übertrug.

Am häufigsten ist der Hausname vom Vornamen des Erbauers abgeleitet oder von einem Vornamen der traditionsgemäß besonders oft in der Familie vorkam. (vgl. Piddasch Peter = den Peters ihr Peter.)
Beispiele für solche von Vornamen abgeleitete Hausnamen sind in unserem Dorf besonders häufig:

Gerje (Georg) Mainats (Meinhard?)
Gerjehannese Nicolais
Hanspittsches Kläse
Philippsches Andrise (Andreas)
Dinnes (Anton) Johannsches
Franze Kaspasch
Weatsjokobs (Wirt …?) Borjels (Walburga)
Hanjupps Hammesklose (Hannes ? Klaus)
Piddasch Meades (Martin)

Oft sind die ursprünglichen Namen auf den ersten Blick kaum wiederzuerkennen oder eindeutig zu bestimmen, weil sie im Laufe der Zeit vielfältig abgewandelt und „verballhornt“ wurden.

Kommt Theisen von Matthias?
Seiments von Simon?
Konats von Kuno?
Schweggats von Swidger oder Swidbert?
Zilles von Zyriakus?
Zirwes von Servatius?
Perkats von Pankratius?

Meistens nahmen die Kinder (Söhne) auch dann den zum Hausnamen gewordenen Vornamen mit, wenn sie ihrerseits ein neues Haus bauten und einen Hausstand gründeten. Um die gleichbenannten Häuser zu unterscheiden, wurde dem Hausnamen dann oft ein besonderes Kennzeichen hinzugefügt. Es betraf zum Beispiel die Lage der Häuser (Onne Franze – Owwe Franze, Hiestasch – Backes-Hiestasch) oder den Beruf des Besitzers (zum Beispiel Schmitt-Klose).

Außer auf die Vornamen beziehen sich die Hausnamen – wie ja auch die eigentlichen Familiennamen – oft auf

die Berufe der Besitzer z.B. Säiats (Schweinehirt)
Säischnäirasch (Ferkelbeschneider)
oder Schmittklose
auf ihre Herkunft z.B. Leja Pidda (Peter aus Lieg)
auf eine Eigenart oder einen
„Übernamen“ des Besitzers
z.B. Langs
auf eine Eigenart oder die Lage des Hauses z.B. Furte
oder später auf den mitgebrachten Familiennamen eines neuen oder eingeheirateten Besitzers

Unklar bleibt der Ursprung des Dorfnamens Zilshausen, der sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder veränderte:

1346 Zullinshausen (erstmals in einer Aufforderung zur Zinszahlung erwähnt)
1569 Sultzhausen
1780 Zilzhausen
1830 Zülshausen

Ist er ursprünglich von dem christlichen Vornamen Zyriakus (wie die Treiser Zilleskapelle) abgeleitet, oder hat er mit Sulz ( = Salzwasser) und Sumpf zu tun?

Die eigentlichen Familiennamen für das Volk wurden in Deutschlands erst um 1200 eingeführt (die Entwicklung der Städte, der Stände und des Handels machten sie nötig).Sie entstanden wie die Hausnamen aus: Vornamen, Berufs-, Orts- oder Herkunftsbezeichnungen oder Personeneigenschaften oder örtlichen Besonderheiten.
Der Wandel vom Gebrauch der alten Hausnamen zu den offiziellen Familiennamen passierte im Dorf zuerst nur in Einzelfällen oder ganz allmählich.

Ein Beispiel:
Piddasch Karl war der Karl Michels aus Lahr, der in der Schreinerei von Piddasch
(Ketter) Lehrling war und die Tochter Karola heiratete.
Das von den beiden 1949 neuerbaute Haus hieß demgemäß Piddasch Karl oder (meistens)
Piddasch Karola sei Haus.
Erst viele Jahre später wurde aus dem längst selbstständigen Schreinermeister (meistens)
wieder Michels Karl und noch später aus Piddasch Karola
Michels Karola und das Haus heißt jetzt (meistens!) Michels.

Auch auf den eingeheirateten Mann wurde also der Hausname übertragen; und erst in den letzten Jahrzehnten wird er, noch später auch seine Frau, unter seinem eigentlichen Familiennamen geführt.

Heute wissen die jungen Leute kaum noch, wer gemeint ist, wenn von den alten Hausnamen die Rede ist. Kein Wunder: Die dörfliche Abgeschiedenheit und Vertrautheit ist vorbei.

Wir wollen deshalb die alten Hausnamen, so lange sie bei uns Alten noch lebendig und selbstverständlich sind, hier in der Chronik festhalten und in den folgenden Aufsätzen auch bevorzugt benutzen.
Die fortlaufenden Nummern in der Skizze und den folgenden Tabellen entsprechen weitgehend den damaligen fortlaufenden Hausnummern von Zilshausen und Petershausen.
Über die Einführung der neuen Straßennamen und Hausnummern im Jahre 1976 wird in der Chronik (1976) berichtet.
Bis zu der Erweiterung und der neuen Straßenbenennung gliederte sich das Dorf in Oberdorf, Unterdorf und Kirchweg. Die heutige Hauptstraße von der Schule bis zum Backes samt den kleinen Abzweigungen war das „Ewwadorf“, die heutige Kapellenstraße mit den Nebenwegen „Im Eck“ und „Weiherfurt“ das „Ennadorf“, der „Kirchweg“ führte von der „Backeskier“ in Richtung Petershausen und hatte nur einen Nebenweg, die „Furt“. Zwischen Oberdorf und Unterdorf verlief der „Balneck“, heute „Balduinseck“, vom Backes in Richtung des heutigen „Höhenwegs“, damals „Of da Hieh“, auch „Hennich da Häisa“.

Verlorengegangen sind leider die alten Hauszeichen, die wohl jahrhundertelang als Kennzeichen und ursprünglich wohl auch als Unterschrift für unsere des Schreibens nicht kundigen Vorfahren gegolten haben. Als „gemaane Liesa“ wurden sie in einem Lederbeutel im Backes aufbewahrt und zum Auslosen – etwa der Reihenfolge beim Backen – benutzt.
Seit der Zerstörung des alten Backes in den letzten Kriegstagen sind sie verschollen.

Häuserbestand in Zilshausen etwa 1940

Nr. Hausname (Foto – bitte anklicken) Familienname Heutiger Name
1999
etwa 1945
OBERDORF
1 Gerjehannese / Birschinger Corneli Corneli / Kochhan
2 Piese-Piddasch Pies / Birkenheier (vermietet)
3 Piese Hiester / Kävenheim Kävenheim
4 Dinnes Pies Pies
5 Hanspittsches Malmann Malmann
6 Philippsches Philippsen / Zimmer (abgebrannt)
7 Kippasch / Säischnäirasch Zilles / Kipper Kipper
8 Owwe-Franze Hiester Weirich
9 Busche Busch Etzkorn
10 Hammesklose / Hiestasch / „Dieze“ Hesser
11 Weins / Backes-Weins Wendling Wendling
BALNECK
12 Konats Wendling / Schug Schug
13 Werz-Jakob Schmitt-Escher Escher
14 Hanjupps Steffens (vermietet)
15 Piddasch Ketter Kiesgen
16 Schreinasch Philippsen Streit
17 Meinats Meinhard / Weins Weins
18 Hiestasch Hesser Böhmer
UNTERDORF
19 Schwäizasch Schweizer Münning
20 Nikolais Nikolay Nikolay
21 Weins Junge (Gebrüder) Wendling Hildebrand
IM ECK
22 Säiats Oster (steht leer)
23 Eckese Eckes Eckes
24 Weinems Weinem Kaltofen
25 Bauasch / Schweckats Bauer / Börsch / Etges Kaspers + Franz
UNTERDORF
26 Perkats / Borjels ( = Walburga) Zimmer Liesenfeld
27 Bremme Bremm/Reifenschneider Reifenschneider
28 Klanasches Brodam Kramer
29 Dorese Morsch / Schönrock Kemmer (vermiet.)
30 Brauns Braun E. Morsch
WEIHERFURT
31 Holzhausersch / Philippsches Philippsen Zimmer
32 Wäre Arend Arend
UNTERDORF
33 Brodam / Nikolais Rudi Meurer
34 Zorsch Marie Zorn Zorn
35 Zorsch Traud Zorn /Barden Zorn
36 Mäiasch Meurer (abgerissen)
37 Kläse Pidda Kölzer E. Kölzer
38 Kläse Scheuer (steht leer)
39 Kochans Scholz J. Scholz
40 Äwats Zilles Kemmer
41 Andrise Hansen / Wendling R. Wendling
(Kapelle) (Backes)
KIRCHWEG
42 Johannsches Brodam Brodam / Kochan
43 Langs Lang / Ketter Ketter / Barden
IN DER FURT
44 Furte Steffen Platten
45 Minischs Philipp Münnich (abgerissen)
KIRCHWEG
46 Minisch-Schosta / Leinigers Münch L. Münch
47 Makasch Oster W. Oster
48 Kette Seul / Scheurer Scheurer
49 Mertes Änni B. Brodam (abgerissen)
50 Weinems Weinem Weinem
51 Theisens Theisen Kaul
52 Leja Görgen Biesenbach
PETERSHÄUSERHOF
53 Kneip Kneip Kneip
54 Leja / Schoochs Hesser / Schug Schug
55 Althausersch Häbler / Etges Reisgies
56 Miese / Kaspasch Mies Mies
57 (Pfarrhaus) Pater Behrla
58 Pulja + Häbler Pulger Meinerz
KIRCHWEG
59 Schmittklose Zilles V. Zilles
60 Wäre Johann Ahrend Ahrend
OBERDORF
61 Backes-Hiestasch Hesser / Theisen Morsch
62 Gerje Pies Zeisler
63 Onne-Franze Hiester G. Hiester
64 Onne-Seimets Gräf Gräf
65 Daume Wendling / Ketter Wagner
66 Owwe-Seimets Weins / Kochhan Kochhan
67 Schnorre Liesenfeld Liesenfeld
68 Kettasch Pies Kneip
(Schule) Stiebert

In Dommershausen befindet sich seit 1992 im „Alten Pfarrhaus“ ein Museum und eine Bibliothek der „Familienstiftung Pies-Archiv“. Dieses Archiv besitzt u.a. eine Sammlung von Familienbüchern, die nach Familiennamen alphabetisch verkartet wurden. Darunter befindet sich eine dreibändige Ausgabe des Famlienbuchs von Lütz, in der auch alle einstigen Einwohner von Zilshausen verzeichnet sind. Interessierte Zilshausener können darin Aufzeichnungen über ihre Vorfahren bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen!