„Wat läiret?“ – Die Kapelle und die Kirchenglocken

Erst nach dem Krieg und nach dem Wiederaufbau der Kapelle wurde von dem damaligen Pastor

Bild vergößern Die Zelser Kapelle (Postkartenausschnitt) Pater Kirsch in Trier die Genehmigung eingeholt, in der Zilshausener Dorfkirche die Heilige Messe zu feiern. Zuerst fand in der Kapelle nur einmal im Monat ein Gottesdienst für die Alten und Kranken statt, später hielt Pater Behrla einmal wöchentlich eine Abendmesse. Darüber hinaus finden nur Gottesdienste zu besonderen Anlässen statt, z.B. bei einer Goldenen Hochzeit oder am Altentag.
Früher wurden in der Dorfkapelle vor allem Andachten gehalten: die Mai- und Rosenkranzandachten in den Marienmonaten Mai und Oktober und die Kreuzwegandacht in der Fastenzeit. Außerdem traf man sich in der Kapelle zu Segens- und Fürbittgebeten in besonderen Anliegen, zu den Bittprozessionen, beim Aufbruch und der Rückkehr der Bornhofenwallfahrer und bei ähnlichen Anlässen.
Die Totenwachen, über die später noch ausführlicher berichtet werden soll, fanden ebenso wie die Abendgottesdienste erst nach 1946 (wieder) in der Kapelle statt. (vgl. Chronik 1893/94)

Eine wichtige Rolle im Lebensrhythmus der Dorfbewohner spielte die Kirchenglocke. Sie begleitete sie durch den Alltag, setzte feste Zeitpunkte im Tagesablauf, bevor jeder seine persönliche Uhr mit sich trug; sie rief zu den Gottesdiensten und verkündete besondere Ereignisse im Dorf wie den Tod eines Mitbürgers oder den Ausbruch eines Feuers.
Im Gegensatz zu heute, wo nur der Mittag von der Glocke angekündigt wird, gab es bis in die 50er Jahre zusätzlich noch die tägliche Früh- oder Morgenglocke (gegen 6 Uhr) und die Abend- oder „Betglocke“. Sie wurde auch der „Engel des Herrn“ genannt nach dem Gebet, das nach frommer alter Sitte bei Anhören dieser Glocke gesprochen werden sollte.
Der Rhythmus des Morgen-, Mittag- und Abendläutens geht wohl auf das Gebet „Der Engel-des-Herrn“ zurück. Es beginnt mit 3×3 Einzelschlägen. Sie deuten die drei Ave-Maria an, die dem eigentlichen Gebet vorausgehen, welches dann durch 30 bis 40 kräftige, volltönende Doppelschläge begleitet wird.
Das Mittagsläuten ertönte früher bereits gegen 11 Uhr, damit die Bauern auf den Feldern genügend Zeit hatten, mit dem Vieh zur Mittagszeit heimzukehren. Mit der zunehmenden Technisierung der Feldarbeit wurde es Mitte der 50er Jahre auf eine halbe Stunde später verschoben und ist heute als einzige zuverlässige „Zeitangabe“ der Kirchturmglocke geblieben.

Der Glockenruf zur Hl. Messe klingt ähnlich wie das Mittagsläuten. Er ertönt eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst ( = das Anläuten) und wird nach einer Viertelstunde wiederholt. Das zweite Läuten, 15 Minuten vor Beginn des Gottesdienstes, heißt das „Zusammenläuten“. Die Ausdrücke „An“- und „Zusammenläuten“ sind wohl auf den Ruf der drei Glocken in der Petershäuser Pfarrkirche zurückzuführen, wo beim Anläuten nur eine, beim Zusammenläuten alle drei Glocken „zusammen“ eingesetzt werden, die dann besonders voll und eindringlich klingen.

Bild vergößern Reinhold Wendling Es ist eine Besonderheit in unserem Dorf, dass noch heute, im Jahre 2001, die Kirchenglocke per Hand betätigt wird. Bis Ende der 30er Jahre ging die Pflicht, dreimal täglich zu läuten, wöchentlich von Haus zu Haus im Dorf reihum. Kurz vor dem 2. Weltkrieg wurde der Auftrag zum Glockenläuten fest in die Hände von Familie Josef Wendling gegeben.
Ein Grund für diese Neuerung waren sicherlich die weiten Wege für manche Dorfbewohner oder Unzuverlässigkeiten. Ein weiterer Grund aber lag darin, dass es gar nicht leicht ist, den korrekten Läuterhythmus zu erzielen.

Um die 3×3 Einzelschläge zu Beginn klar voneinander abzuheben, hält der Könner beim Ziehen des Seils dieses an der tiefsten Stelle für einen kurzen Moment fest, damit der Klöppel zurückschlägt,

bei den volltönenden Doppelschlägen muss dagegen das Seil kräftig und in stetem Rhythmus gezogen und lockergelassen werden. Der dritte Grund, das Läuten in eine feste Hand zu legen, ergibt sich aus dem vorherigen: Bei dem ständigem Wechsel der oft ungeübten für das Läuten Verantwortlichen riss allzu oft das relativ dünne, vom Glockenturm bis unten in die Kirche reichende Glockenseil.
Der damalige Bürgermeister fragte deshalb den neben der Kirche wohnenden Josef Wendling, ob er nicht das tägliche Läuten übernehmen wolle. „Andrise Jusep“ erklärte sich gegen eine Vergütung (DM 40 pro Jahr) zu dieser Tätigkeit bereit.
War er verhindert, übernahm seine Schwägerin Maria Hansen (Andrise Marie) den Dienst, so wie sie auch sonst viele kirchliche und soziale Aufgaben übernahm, z.B. das Putzen und Schmücken der Kirche, das Vorbeten bei Andachten und den Kommunionunterricht.
Seit über 40 Jahren ist nun Reinhold Wendling, der Sohn von „Andrise Jusep“, kompetenter Glöckner in der Zelser Kapelle. Und er ist es auch, der über Details der Läutetechnik Auskunft geben konnte.
Bild vergößern Andrise Marie mit Hiestasch Toni
(Ende der 50er Jahre)

Er beschreibt z.B. das Feuerläuten: kurze Einzelschläge, schnell hintereinander, sog. „Bimmeln“, oder die Totenglocke, die sich unterscheidet, je nachdem, ob sie den Tod eines Kindes, einer Frau oder eines Mannes ankündigt:
3x in Folge 3 Einzelschläge – anschließend kräftiges Doppelgeläute für ein Kind
3x in Folge 6 Einzelschläge – anschließend kräftiges Doppelgeläute für eine Frau
3x in Folge 9 Einzelschläge – anschließend kräftiges Doppelgeläute für einen Mann
(Das ganze wird jeweils dreimal wiederholt)

Nach Meinung des jetzigen Glöckners wird es wahrscheinlich, wie es in anderen Gemeinden und auch in der Petershäuser Kirche schon längere Zeit üblich ist, bald auch in Zilshausen zu einem „elektrischen Geläut“ kommen. Ein zweiter Vorschlag in dieser Richtung wird wohl nicht mehr wie der erste in den 60er Jahren vom Gemeinderat mit dem Argument zurückgestellt werden können, ein „Handgeläut“ sei kostengünstiger als eine elektrische Bedienung.

„Et läit of Schaaf“

hieß es früher, wenn die Totenglocke läutete. „of Schaaf“, das heißt wohl soviel wie „auf der Totenbahre“, wie ja auch der Ausdruck, dass jemand „of Schaaf“ liegt, besagt.
(Das Wort „Schaaf“ ist wahrscheinlich verwandt mit dem alten niederländischen Wort „schavot“ und dem aus dem Französischen stammenden „Schafott“, was so viel bedeutet wie „Holzgerüst“, auf dem jemand „zur Schau gestellt“ wurde – z.B. bei der Hinrichtung oder als Toter.)
Fast immer starben die Leute in unserem Dorf zu Hause, und dort wurden die Toten von ihren Angehörigen mit der Hilfe von Nachbarn oder der Krankenschwester auch gewaschen und mit dem Totenhemd bekleidet. Dann wurden sie – meistens in der „Stuff“ – feierlich aufgebahrt, mit Kerzen, Blumen, dem Rosenkranz und ihrem Gebetbuch, das sie als Kommunionkind bekommen hatten. So konnte man sie im offenen Sarg noch einmal sehen und von ihnen Abschied nehmen.

Bild vergößern Die alte Strasse nach Petershausen An drei Abenden zwischen dem Sterbetag und der Beerdigung fand dann die Totenwache mit Rosenkranzgebeten und der „Litanei für die Verstorbenen“ im Hause des Toten statt. Es herrschte fast immer großes Gedränge in Küche, Zimmern und Hausgang, wo schmale Holzbänke aufgestellt waren. Denn aus jedem Haus im Dorf kam wenigstens einer aus der Familie „en die Durewach“.

Erst nach dem Krieg fanden die Totenwachen – seit kurzem nur noch an einem statt drei Abenden – in der Kapelle statt, während der Verstorbene in der 1975 gebauten Friedhofskapelle in Petershausen aufgebahrt wird.

Sie sind uns etwas ferner gerückt, unsere Verstorbenen, und das Band der dörflich-nachbarlichen Nähe ist auch in diesem Bereich lockerer geworden.
Trotzdem ist die Nachbarschaft noch immer in bestimmte alte Sitten und Rituale im Zusammenhang mit Tod und Beerdigung eingebunden. Zwar wird das Grab nicht mehr von den drei nächsten Nachbarn von jeder Seite mit der Hand ausgeschaufelt (diese Aufgabe wird inzwischen von einem Bagger übernommen), und seit die Toten in der Friedhofskapelle aufgebahrt werden, müssen die Nachbarn auch nicht mehr für den würdigen Transport des Toten nach Petershausen sorgen, der früher in einer Prozession der Beerdigungsteilnehmer vom Totenhaus in die Pfarrkirche stattfand. Aber auf dem kurzen Weg von der Friedhofskapelle bis zum offenen Grab wird der Verstorbene von seinen Nachbarn getragen.

Und heute, da der „Kaffee“ (traditionsgemäß mit Streuselkuchen) nach der Beerdigung nicht mehr in der Enge des eigenen Hauses, sondern in einem der beiden Dorfgasthäuser stattfindet, gehören die Nachbarn meist auch zu den geladenen Gästen.