Mundart, Hochdeutsch, Altgriechisch und mehr

Aus dem Schulalltag in Zelse zu Beginn des letzten Jahrhunderts stammt eine kleine Anekdote:

Das erste Schuljahr lernte das ABC. Der Lehrer malte ein großes O an die Tafel und fragte: „Was ist das?“
Einem kleinen Schüler war das ähnlich geformte nahrhafte Produkt aus dem Hühnerstall vertrauter als der abstrakte Buchstabe O. Er antwortete daher, beeindruckt von der Grösse des dargestellten Zeichens an der Tafel: „Das ist ein mäkaalisches Ei, Herr Lehrer“ – und übersetzte so das gute Hunsrücker Wort „mäggalisch“ gekonnt ins Hochdeutsche.

„Mäggalisch“, das ist ein bei den älteren Zelsern auch heute noch sehr gebräuchliche Ausdruck. Er bedeutet einerseits „sehr groß“, zum Beispiel „e mäggalisch Dinge“ oder einfach „sehr“ wie z.B. in „mäggalisch schie“ (sehr schön), aber es bedeutet auch: großtuerisch und aufgeblasen wie in „en mäggalicha Kerl“.
Das seltsame Wort leitet sich wahrscheinlich aus dem Altgriechischen her. In der Zusammensetzung mit anderen Wörtern hat mega oder megalo die Bedeutung „groß, mächtig“ (z.B. Megalomanie = Größenwahnsinn, Megaphon und Megawatt).
– Und als „mega-out“ ist es neuerdings im Jugend-Neuhochdeutsch wieder „mega-geil“ und „mega-in“ – .
Wann und wie das Wort in diese Gegend des Hunsrücks kam, muß wie so viele Merkwürdigkeiten in der Mundart hier eine offene Frage bleiben.

Ausdrücke aus fremden Sprachen – ob sie über die nahe Grenzregion oder im Zuge von geschichtlichen Wanderbewegungen, Kriegs- oder ähnlichen Ereignissen hier eingedrungen sind – spielen immer eine Rolle in der Mundartentwicklung.
Bei uns sind oder waren vor allem Ausdrücke französischen Ursprungs geläufig:

so ist der Schirm
der Kinderwagen
die Kutsche
und die Waschtischschüssel
„en Porbel“
„e Scheesje“
„en Schees“
„en Waschlavur“
(aus französisch parapluie)
(frz. chaise)
(frz. chaise)
(von frz. lavoir = waschen)

Auch Wörter aus dem Jiddischen begegnen uns nicht selten. Die jüdischen Viehhändler, zum Beispiel aus Lütz, waren nicht weit und spielten natürlich eine Rolle im ländlichen Umfeld.
Der besonders merkwürdige Ausdruck „Räibat“ stammt wohl aus dem Jiddischen und hängt wahrscheinlich mit dem stärker verbreiteten Wort „Reibach“ zusammen.
Räibat ist die Bezeichnung, die nur für die Tasche zutrifft, die in ein Kleidungsstück eingearbeitet ist, auch „Säckel“ genannt (daher das „Sackdoch“ = Taschentuch). Eine Handtasche dagegen ist „en Tasch“. (Der „Räibat“ war ursprünglich wohl ein Umhängebeutel)

Es wäre interessant und amüsant, würde aber viel zu weit führen, wollte man all die originellen Zelser Wörter hier aufführen, die uns noch von früher in den Ohren klingen. Aber viele von ihnen sind ja nicht nur für unser Dorf bezeichnend und an anderen Stellen schon gesammelt worden, so dass sie nicht verloren gehen.

Statt dessen haben wir versucht, in unseren Chroniktexten möglichst viele typische Mundartausdrücke zu benutzen.

Ein paar von den Sprüchen, die mir besonders lieb sind wegen ihrer Bildhaftigkeit oder Prägnanz, möchte ich hier aber doch festhalten:

Das folgende (etwas gekürzte) Mundart-Gedicht wurde auf dem Seniorentag im März 2001 im Bürgerhaus von Werner Birkenheier vorgetragen:

Ebbes
Ose Cheffe hat mich di Daach gefroot:
miste och ebbes via die Aldedach?
Du hann ich iwwalacht: wat micht da do?
on gedaacht: Ma kennt jo mol e Rätsel mache.
Ich hann mich hin on her besonne
bis ich dat richtige han gefonne,
und ich hoff, dat Rätsel fällt Uch net schwer,
hiert nur all mol richtig her!
Et es rut – et es green –
Et es dinn – et es dick –
et gieht hennareggs – vierwärts on zereck-
Ma kann och droff laawe,
et do an die Feess,
ma kann et sich kaawe,
et schmackt wie Gemees.
Ma kann et och kaue
on spille damit,
ma greht et en die Aue
et lait och em Bett.
Ma kann sich demet kloppe,
on sich botze die Naas,
die Zeit de met vatraiwe,
Et wächst och em Gras.
Ma herzt on ma dreckt et
on sticht et en et Maul,
micht Veeh domit fett
och frisst et de Gaul.
Die Raiche, die Arme,
en jeder et hat.
Et es sauer, et es seess,
on ma isst sich dran satt.
Et lait en da Loft,
ma hat et em Sack,
die Modda hat oft domet Koche geback.
Ma kann et warm mache,
et det anem wieh,
ma moss driwwa lache,
ma isst et och rieh.
Ma kann sich demet kratze,
ma geret da Katze
……..
Wat maach dat see,
wie werd dat genannt?
Ein jeder, der weiss et,
ein jeder et kennt.
Na!, wer kennt dat Wort, dat ich soche????
on wer et net kennt,
dä hat nix em Schwebbes,
et es doch su einfach,
et es äwe „ebbes“!!!!