GERJE MARIE, die Zelser Krankenpflegerin

Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts geriet in arge Bedrängnis, wer ernsthaft krank wurde, wer sich bedrohliche Verletzungen zuzog oder wer bei komplizierten Geburten kompetente Hilfe benötigte.
Denn in Fällen, wo zur Heilung mehr vonnöten war als die üblichen, von Generation zu Generation vererbten und erprobten Hausmittel und praktischen Kenntnisse, konnte Hilfe von auswärts nur unter großen Schwierigkeiten und mit erheblichen Zeitaufwand herbeigeschafft werden. (vgl. Chronik 1909)
Seit 1909 gab es zwar auf der Poststelle einen Telefonapparat, mit dem man in Kastellaun einen Arzt anrufen konnte; aber das erste und für lange Zeit einzige Auto in Zilshausen und der ganzen Umgebung wurde erst 1927 zugelassen. Eine regelmäßige Postverbindung zwischen Kastellaun und Karden wurde 1929 eingerichtet.
Wer also der ärztlichen Hilfe bedurfte, musste sich bis dahin zu Fuß „of Kastellaun bäi de Dokda“ oder zum Krankenhaus nach Cochem auf den Weg machen oder mit dem Pferde- oder Ochsenfuhrwerk (meist vom Nachbarn) dorthin gebracht werden.
Dass der Gang zum Arzt unter diesen misslichen Umständen möglichst lange hinausgezögert wurde und oft zu spät kam, kann nicht verwundern.

Ein Segen für die Gemeinde war es daher, als sich 1918 Maria Pies – angeregt und ermuntert wohl durch den damaligen Pastor Schnepp – dazu entschloss, sich als Krankenpflegerin ausbilden zu lassen.
1892 war sie in Zilshausen geboren und hatte bis zu ihrem 26. Lebensjahr in der Landwirtschaft mitgearbeitet.
1918 nahm sie in Aremberg bei Koblenz erfolgreich am theoretischen Unterricht in Krankenpflege teil und besuchte anschließend zwei praktische Kurse: einen in der Pflege von Wundkranken und innerlich leidenden Patienten im St.-Josef-Hospital in Oberhausen, den zweiten für Säuglingspflege im St. Josefshaus in Köln-Bayenthal.
Nach Abschluß der Ausbildung wurde sie in die Reichsgemeinschaft freier Charitasschwestern aufgenommen, die es als ihre Aufgabe betrachteten, „im Geiste der kirchlichen Liebestätigkeit zu arbeiten und das katholische Schwesternideal zu verwirklichen“.
Bild vergößern Gerje Marie

Seit 1918 war Fräulein Pies dann ununterbrochen als Landkrankenpflegerin tätig in den Dörfern Zilshausen und Lahr, die bis dahin nur von einer für den Kreis Cochem zuständigen Fürsorgerin, der Schwester Käthe, und von der „Leja Kindchesväs“, der Hebamme Frau Laux aus Lieg, mitbetreut wurden.
Ihre Aufgabe in der Gemeinde verließ sie nur, um sich weiterzubilden (z.B. in Hygiene-, Säuglings- und Tuberkulose-Fürsorge) oder an Mütterschulungskursen teilzunehmen.
Nach dem Tode ihres Vater 1925 versorgte sie neben ihrem Dienst als Krankenpflegerin zusammen mit ihrer Schwester Kathchen den landwirtschaftlichen Betrieb. 1933 holte sie dann nach dem Tode ihrer in Lahr verheirateten Schwester deren beide verwaiste Kinder – die sechsjährige Maria und den elfjährigen Paul – zu sich nach Zilshausen.
Auf diese Weise hatte sie als Landwirtin, Erzieherin und als Krankenschwester bis zu ihrem Tod 1966 stets einen mehr als ausgefüllten Tageslauf. Sie versorgte Verletzte oder leistet Erste Hilfe bei Unfällen, schritt bei schweren Grippen ein, wusste unbestimmte Leiden meist ziemlich sicher zu diagnostizieren, versorgte ihre Patienten mit Spritzen, Medikamenten und Verbänden, suchte Bettlägerige und Wöchnerinnen fast täglich auf, telefonierte für sie nach draußen um Hilfe, schickte sie zum Arzt oder ins Krankenhaus und begleitete sie notfalls auch selbst dorthin, versorgte Granatenverletzte am Kriegsende – und schließlich half sie auch mit Trost den Sterbenden und kleidete die Toten zur letzten Ruhe.
Ungewöhnliche sachliche Kompetenz, Verantwortung und Mut zu notwendigen Entscheidungen werden der erfahrenen Krankenschwester zugesprochen von den älteren Dorfbewohnern, die sie noch in ihrer Tätigkeit erlebt haben; und fast jedem von ihnen kommen dankbare Erinnerungen, wenn man ihren Namen nennt.

Oft genug sind es dramatische Geschichten, die da aus der Erinnerung erzählt werden, denn der Zustand des Patienten ließ oft keine Zeit, die Ankunft eines Arztes abzuwarten, wenn er- bis in die 20er Jahre mit der Pferdekutsche, der „Schees“ – über Land unterwegs war. Da war dann der Mut zu entscheiden und zu handeln gefragt.

Eine Geschichte möge für viele stehen:
Die kleine Marielene (Ketter) war 1939 sechs Monate alt, als sie eine schwere doppelseitige Lungenentzündung bekam. Der Arzt hatte das Kind wohl schon aufgegeben (Er soll später erstaunt gefragt haben: „Wie, lebt das Kind denn noch?“) und er war am Tag der Krise nicht zu erreichen.
Vater und Schwestern der Kleinen machten sich auf den Weg zur Muttergottes nach Mörz, um in letzter verzweifelter Hoffnung für das Kind zu beten.
Auch Gerje Marie, die um die Kleine kämpfte, sah keine Chance mehr, das Kind zu retten. Da wagte sie entschlossen einen letzten radikalen Versuch, ein Entweder-Oder: Sie ließ ein Büttchen mit eiskaltem Brunnenwasser und ein anderes mit heißem Wasser herbeischaffen, zog den fiebernden Säugling aus und tauchte ihn abwechselnd in das eine und das andere.
Vom kalten Wasser war das Körperchen „bletzebloh“ – aber die Schocktherapie hatte Erfolg: Heute ist die kleine verlorengegebene Patientin eine gesunde 60jährige Frau.
„Gerje Marie“ oder liebevoller „et Marieche“, war fast ein halbes Jahrhundert lang eine Institution im Dorfe.
Eigentlich war sie immer im Dienst. Selbst in der Hauptarbeitszeit machte sie, schon bevor sie am Morgen aufs Feld ging, notwendige Krankenbesuche (bei einer Wöchnerin etwa oder bei Kippasch Otto, dessen schlimm vereiterte Hand lange Zeit täglich verbunden werden musste.) Und eigentlich war sie immer in Eile. Trotzdem hatte sie, wenn sie mit ihren typischen schnellen Schritten durchs Dorf ging, stets einen Augenblick Zeit für einen munteren, freundlichen Gruß, ein heiteres Wort, eine teilnehmende Frage und, wenn nötig, einen praktischen Rat.
Bei der Beerdigung von „Gerje Marie“ im November 1966 wurde auf dem Petershäuser Friedhof zum ersten Mal eine Grabrede gehalten. Für Pater Kirsch, den damaligen und langjährigen Gemeindepfarrer, war es ein Bedürfnis, die Verdienste dieser noch immer unvergessenen Frau und ihren selbstlosen Einsatz für die Menschen ihrer Gemeinde ehrend hervorzuheben.