„Friene gieh“

„Gieh lousta moh, warret schellt!“ („Geh horch mal, was ausgeschellt wird“), sagte man wenn „de alt Minnich“, oder „Minnichs Philep“ mit der Glocke durchs Dorf ging.
Entweder war´s eine kurze oder längere „Bekanntmachung“, die ausgerufen oder bedächtig vorgelesen wurde, – oder die Botschaft war nur: „Et läit an die Gemaan!“
Dann ging aus jedem Haus einer an den Backes, wo man sich versammelte und miteinander „sproochte“, bis der „Schäffe“ kam und verkündete, was zu sagen war, dass zum Beispiel Holz oder „gemaane Feld verstait“ (versteigert) wurde.
Manchmal wurde auch ausgeschellt: „De Meddach em zwo Oua werd friene gange!“ Dann brachte zur angegebenen Zeit jeder das entsprechende Werkzeug mit an den Backes, und gemeinsam ging man zu der jeweiligen Arbeitsstelle: in den Pflanzgarten, die Baumschule im Wald, auf den Friedhof zum „Kärchwächbotze“, zum Wege-Instandsetzen oder auf die „Steaschwies“, um Heu für den Gemeinde-Stier zu machen.
Es war Pflicht, dass aus jedem Haus einer mitging zum Friene oder einen Vertreter stellte.
Der „Frondienst“ für die Gemeinde war unentgeltlich, dafür aber bekam jedes Haus ein „Bürgerstück“ ( = ein Stück Gemeindeland) und hatte einen „Meter Holz“ frei im Jahr.
Meist waren es die Jugendlichen, die mitgingen zum Friene – und da war der gemeinsame Spaß bei der Arbeit oft größer als das Ergebnis.
Allerdings ging es nicht immer nur lustig zu, sondern es konnte dabei auch gefährlich werden. Das musste ich selbst mit Schrecken erfahren, als ich 1941 in den Winterferien in Zelse war und mit anderen Jugendlichen bei der Fronarbeit mitmachte.
Es war hoher Schnee und wir sollten auf der Landstraße nach Berzelt hin „Schniescheppe“. Aus Spaß bewarfen wir uns gegenseitig mit Schnee. Dabei traf meine Schaufel einen Jungen so unglücklich im Gesicht, dass sie seine Oberlippe spaltete. Er blutete entsetzlich, und gemeinsam liefen wir alle mit ihm ins Dorf. Ein Glück, daß es da „Gerje Marie“ gab, die erfahrene Krankenschwester und Nothelferin, die – wie so oft – ruhig und kompetent Erste Hilfe leistete.
Die Narbe allerdings ist bei dem inzwischen fast 70jährigen auch jetzt noch zu sehen. Kette Jupp hat mir das Unglück nie nachgetragen, aber so oft wir uns begegnen, kommt die Erinnerung an dieses gemeinsam Erlebnis mit einem „Weißt du noch ?“ zur Sprache – oder es ist doch unausgesprochen noch in unseren Köpfen.

PS: Den ursprünglichen Frondienst für den Lehnsherrn (statt wie heute für die eigene Gemeinde) erwähnt der Chronist in der Chronik 1893/94.

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