Dörfliche Stille“

Vom bäuerlichen Alltag und den Geräuschen, die das Tagwerk begleiten

Die sprichwörtliche „dörfliche Stille“ ist eher eine Sache unserer Tage, wo die Straßen – abgesehen von ein paar Autos – fast wie ausgestorben sind.
In der „guten alten Zeit“, als noch jedes Haus im Dorf seine eigene kleine Landwirtschaft betrieb, begleiteten die typischen Geräusche das bäuerliche Tagwerk vom frühen Morgen bis zum Dunkelwerden.

Zunächst spielten sich, auch im Sommer, die Aktivitäten im Haus und im Stall ab.
Schon vor dem Morgenläuten stand man auf, ging „die Trapp ronna“ in die Küche, machte mit „Schlivvare“, dem Kleinholz, das man am Tag zuvor gehackt hatte, mit etwas Stroh, Holzscheiten und einem „Fixfoua“ (Streichholz) das Herdfeuer an und stellte Wasser auf.
Dann ging es gleich in den Stall zum Melken, denn um halb sieben holte der Kläse Pidda die Milchkannen ab.
Als erstes musste dem hungrigen Vieh „en Haffel Hai dargedoo“ werden. Man hörte im Dorf genau, wo das Vieh am Morgen nicht beizeiten versorgt wurde: Aus einem sanften Muhen wurde allmählich ein immer ungeduldigeres langgezogenes Brüllen; und die Schweine mit ihrem aufgeregten Grunzen, das sich schnell zu durchdringendem Gequieke steigerte, stimmten ein in das weithin vernehmbare Stallkonzert.

Der Bauer versorgte also das Vieh mit dem am Tage zuvor vorbereiteten Futter: mit Heu und Häcksel oder frischem Klee, während die Frau mit Kopftuch und Stallschürze zwischen den Kühen auf dem groben dreibeinigen Melkschemel saß, den jeweiligen Kuhschwanz mit dem Melkeimer fest zwischen die Knie geklemmt. Und dann hörte man in dem ruhigen Stall das leise Klirren der Ketten, das mahlende Kauen der Kühe und das rhythmische Geräusch, mit dem der scharfe Milchstrahl in den metallenen Eimer spritzte.
Es war nicht eben viel Milch, die die Kühe hergaben, die ja oft auch Fuhr- und Arbeitstiere waren und kein besonders üppiges Futter bekamen.
Was nicht für den Haushalt oder eventuell für die Kälber gebraucht wurde, kam in die Milchkanne der
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Owwe-Seimets Jakob beim Stallmisten

Kastellauner Molkerei und wurde zum Abtransport auf die dafür vorgesehenen Holzbänke an Backes-Weins und den anderen Sammelstellen im Dorf gebracht.
Pünktlich um sechs Uhr polterte Kläse Pidda „mit Karacho“ mit seinem leeren Milchauto durchs Dorf, um in Lieg und Lahr die Milchkannen abzuholen; und eine halbe Stunde später war deutlich zu hören, dass auch in unserem Dorf die Kannen mit Schwung auf den offenen Lastwagen bugsiert wurden. Das war eines der täglich zuverlässig sich wiederholenden Geräusche im Dorf.

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Kippasch Johann hat angespannt

Waren Milch und Vieh fürs erste versorgt, wurde in der Küche Kaffee getrunken. Meist war es „Malzkaffee“ aus dem im Backes beim Brotbacken gerösteten Korn. Auf die großen Schnitten vom kräftigen selbstgebacken Brot kam manchmal Butter, öfter „Klatschkäs“ oder „Schmeer“ (Apfelkompott, „Quetscheschmeer“, „Bierekrout“) oder „Schelee“.
(Wer sich, wie der „Elberfeller Paul“, der Feriengast aus der Großstadt, auf das Butterbrot mit Gelee auch noch obendrein den Klatschkäs lud, der riskierte, dass man im Dorf mit Missbilligung über ihn sprach).

Nach dem Frühstück ging die Arbeit im Stall weiter. Das Vieh musste getränkt, die Schweine gefüttert, der Stall gemistet werden. Die Eimer klirrten und schepperten, die Schweine grunzten und schmatzten und stießen mit den Köpfen gegen die Futterklappe über ihrem Trog, und der Karst kratzte über den Steinboden im Stall, wenn der Mist herausgezogen wurde. Die vollgeladene Mistkarre quietschte oder knarrte, wenn man sie zum Misthaufen schob und auskippte. Und dazwischen hörte man, wie der Bauer – je nach Temperament beruhigend oder laut schimpfend – das Vieh anrief, die „Bläss“, „Braun“ oder „Aischa“, wenn sie stur der Arbeit im Weg herum standen.
Zurufe wie „Kooom Aischa!“, „Gieste zreck!“, „Mach dich mol henne remm!“ und ähnliche begleiteten die Arbeit mit dem Vieh auch weiterhin durch den Tag. So zum Beispiel, wenn zum Futterholen der Wagen angespannt wurde.
Beim Anspannen drangen die lautstarken Aufforderungen an potentielle Helfer, die gerade in der Nähe waren: „Gieh, holl ma mol die Lain“ oder „Breng ma mol die Seens!“ vom Hof herüber bis auf die Straße – ebenso wie das Geräusch von Ketten, „Silleschäid“ und Deichsel und auf den Wagen geworfenen Gerätschaften (Sense, Rechen und Gabel).
Dann rumpelten die Wagen mit den hohen dünnen, eisenbereiften Holzrädern über die holprigen Dorfstraßen zum Kleefeld und später, mehr oder weniger voll beladen, wieder zurück.
Schon wenn man bedenkt, dass vom Mai bis zum Herbst von jedem Haus jeden Morgen frisches Futter geholt werden musste, kann man sich vorstellen, dass der Geräuschpegel auf den Straßen auch vor dem Aufkommen der lauten Bulldogs recht beachtlich war.
Aber die eigentlichen Lärmmacher kamen ja noch dazu: Je nach der Jahreszeit und der anfallenden Feldarbeit rumpelten außer den Wagen, die Futter, Holz, Mist, Pull, Kartoffeln, Heu, Getreide, Rüben und anderes mehr transportierten, auch die verschiedenen Arbeitsgeräte mit ihren unverwechselbaren „Tonarten“ daher. Am lautesten waren die Mäh- und Dreschmaschinen, der Pflug auf dem Pflugschlitten oder dem „Ploochwähnche“ und vor allem die donnernd hinter dem Wagen herrollende hölzerne, später metallene „Well“.

Da mussten dann manches Mal die frei im Dorf herumlaufenden Hühner laut gackernd und flügelschlagend flüchten. Da bellten Hunde, die neben dem Wagen herlaufen durften, und die anderen, die an der Kette vor ihrer Hütte bleiben mussten, jaulten ihnen hinterher.
Und vor allem waren da die Kinder, die mit ihrem Ranzen, aus denen die Tafelläppchen hingen, mit ihren Nagelschuhen und (die Mädchen) mit ihren Schürzen laut schwätzend und schreiend in die Schule und später wieder heim trabten.
Vor Mittag – gegen elf – kam das Milchauto von Kastellaun zurück und lud mit unüberhörbarem Geklapper an den vorgesehenen Stellen die Milchkannen wieder ab, die inzwischen eine der abgegebenen Morgenmilch entsprechende Menge Magermilch enthielten. (Die „Kastelläiner Melich“ roch im Sommer meist schon etwas säuerlich und wurde den Schweinen gegeben. Am Wochenende benutzte man sie aber auch, um den geputzten Fliesen- oder Holzböden einen gewissen Glanz zu verleihen.)
Zwischen elf und halb zwölf läutete es Mittag, und für die Zeit des Mittagessens kehrte ein wenig Ruhe ein auf den Straßen. Zur Zeit der Ernte oder anderer dringlicher Arbeiten war die Pause allerdings nur kurz.

Mit den Jahreszeiten änderten sich die Arbeiten und damit die typischen Geräusche, die von Scheunen und Höfen auf die Straße drangen. Jeder, der das Leben im Dorf aus früheren Tagen

kennt, erinnert sich an das rhythmische, metallisch helle Dengeln der Sense, wenn sie auf dem Dengelstock gehämmert wurde.Den Wetzstein benutzte man vor allem auf dem Feld zum Nachschleifen. Er steckte daher immer in dem am Gürtel des Mähers hängenden „Schlorrafass“, einer Art Köcher aus Blech, in dem etwas Wasser war. Das schrill aufkreischende Geräusch des Schleifsteins hörte man nur, wenn die Messer von Mähmaschinen oder wenn Sägen geschärft wurden.
Ein anderes unverwechselbares, oft ohrenbetäubendes Kreischen gab´s im zeitigen Frühjahr, wenn die Kreissäge auf den Hof kam und das Holz geschnitten wurde. Das Holzschneiden und anschließend das Holzhacken sowie das unregelmäßige klackende Geräusch der auf den Holzhaufen oder in den Korb geworfenen Scheiter haben sich in meiner Erinnerung untrennbar mit Frühling und ersten warmen Sonnenstrahlen verbunden, – und irgendwie gehört auch das leise Brummen eines langsam und hoch am blauen Himmel dahinziehenden Flugzeugs zu dieser nostalgischen Erinnerung.
Im Spätsommer und Herbst, wenn die Ernte eingefahren war, vernahm man dann das anhaltende an- und abschwellende Brummen der Dreschmaschinen aus den Scheunen.
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Bauersch Cilly hat Pause
beim Holzhacken

Manchmal zischten oder schnarrten sie auch ganz bedenklich oder verstummten ganz, wenn oben eine Korngarbe zu hastig eingestopft wurde oder gar ein Stein in die Maschine geriet.
Bevor es die großen mobilen elektrischen Dreschmaschinen gab, war das Getreide mit kleinen in die Scheune eingebauten und mit Benzin, noch früher mit dem „Gewel“, dem Göpel, betriebenen Maschinen gedroschen wurden. Und davor hatte man „die Frocht“ über den Winter mit Dreschflegeln auf der Tenne ausgedroschen.

Um sich eine elektrische Dreschmaschine leisten zu können, musste man sich zunächst immer in einer Gruppe von Bauern (Nachbarn oder Verwandte) zusammenschließen; und in dieser Gruppe half man sich dann auch gegenseitig an den Tagen, wo „maschinnt“ wurde. (vgl. Kapitel 6)

Wenn die Dreschmaschine auf den jeweiligen Hof gezogen und in die Scheune bugsiert wurde, standen dem Haus immer ein oder mehrere Tage Ausnahmezustand bevor. Die Arbeit begann am frühen Morgen und dauerte – mit Frühstücks-, Mittags- und Kaffeepausen – bis zum Abend. Eine Menge Hilfskräfte waren vonnöten: Meistens zwei größere Kinder warfen die oben in der Scheune gestapelten Garben auf die Maschine, wo zwei weitere Personen saßen: eine, die die Garben aufschnitt, eine andere, die sie mit Geschick und Vorsicht gleichmäßig „eingeben“ musste. Unten in der Scheuer mussten zwei Personen abwechselnd „abraffen“, das heißt, das leergedroschene Stroh aus der Maschine entgegennehmen und mit vorbereiteten Strohseilen zu schweren Bürden zusammenbinden. Eine weitere Person war nötig, um die „Beade“ hinaus auf den Hof zu schleppen, wo sie meist ein starker Mann mit der Gabel zu einem großen Strohgebirge stapelte. Für die kleineren Kinder war das ein Tummelplatz, bis das Stroh am Abend, wenn der Motor abgestellt war, wieder in der Scheune verschwand.
Die Männer waren damit beschäftigt, die häufig auftretenden Störungen an der Maschine zu beheben und die schweren Getreidesäcke auf den Speicher zu tragen. Die Sache der Hausfrau und vor allem der Großmutter war es, mit Kaffee, „Stecka“ und am Mittag mit einem großen Topf Bohnensuppe mit Rahm für das leibliche Wohl der in Staub und Hitze hart arbeitenden Mannschaft zu sorgen. Wenn „maschinnt“ wurde, ging es bei aller Mühsal aber meist auch recht laut und gesellig zu, so dass das Maschinengebrumm oft übertönt wurde von Zurufen und Lachen der verstaubten und verschwitzen Schaffer.
Wenn nach einem langen Arbeitstag der Motor der Dreschmaschine abgestellt wurde und mit einem abschwellenden Geräusch verstummte, dröhnte das Brummen im Kopf noch lange nach und man sprach lauter als gewöhnlich.
Später im Jahr waren es die dumpf rumpelnden Kartoffeln, die aus den Säcken über eine Holzschütte ins Kellerloch kullerten oder die beim Ausladen polternden „Rommele“, die Runkelrüben, die das Geräuschbild des Dorfes mitbestimmten.
Allmählich ging´s dann wieder ruhiger zu im Dorf. Und wenn man einander auf der Straße begegnete, hatte man wieder mehr Zeit für einander. – Es sei denn, man war mit großen Kuchenblechen unterm Arm auf dem Weg zum Backes oder mit der Kuh oder der Wutz auf dem Weg zum Stier bzw. zum „Watz“ (Eber). Ein Schwein durchs Dorf einem bestimmten Ziel zuzutreiben, das war gar nicht so einfach und forderte neben einer festen Rute auch viel gutes oder laut drohendes „Zureden“.
Ebenso spannend war es zuzuschauen, wie „en stearisch Koh“ mit ihren „Führer“ an der kurzen Leine durchs Dorf tanzte, wenn sie zum „Gemaane-Stea“, dem Gemeindestier gebracht wurde.
Die Straßenszene war also immer gut für lebhafte und vielfältige „Kommunikation“.

Einige Tätigkeiten in Haus, Stall und Scheuer wiederholten sich in ähnlicher Abfolge das ganze Jahr hindurch. Jeden Tag musste das Vieh gefüttert und das Futter vorbereitet werden:
Die „Säikrombiere“, kleine oder beim Ausmachen „angegrabene“ Kartoffeln und Küchenabfälle, wurden in einem großen Topf auf dem Küchenherd oder in der Viehküche gekocht und, wenn sie abgekühlt waren, mit der Hand gequetscht. (Das war eine anstrengende, aber wirksame Massage für die Hände der Bäuerin, die dabei zart und „porentief sauber“ wurden.)
In der Scheune standen u.a. drei Hilfsgeräte, die bei der Futterzubereitung gebraucht wurden: Die Schrotmühle, mit der Korn und Hafer zu „Geschrääts“ gemahlen wurde, hatte schon relativ früh einen Benzinmotor. Die beiden anderen wurden lange mit der Hand gedreht.
Mit dem großen gefährlich aussehenden Messerrad der Häckselmaschine wurde Stroh kleingeschnitten; und die „Gretzmill“ zerkleinerte mit schmatzenden Geräuschen die „Rommele“.
Wenn es kein Grünfutter gab, musste das oben in der Scheune nach der Ernte fest zusammengetrampelte Heu mit einem hakenartigen Gerät gerupft und auf die Scheunentennen hinuntergeworfen werden.

Das „Hairoppe“ war eine Arbeit für die Kinder. Vor allem, wenn man zu zweit auf dem dämmrigen Heuboden war, machte es dabei großen Spaß, mit mehr oder weniger Geschick möglichst hoch auf das Heugebirge unterm Scheunendach zu klettern, um dann mit Halloo wieder herunterzurutschen. Versorgt werden mussten am Abend auch die kleineren Tiere. Die Katzen bekamen nach dem Melken im Stall ein Tellerchen Milch. Im übrigen versorgten sie sich selbst – sie waren ja zum Mäusefangen da.
Die Hühner kamen in der Dämmerung spätestens von ihren Ausflügen ins Dorf und „unter die Wiesen“ auf den Hof zurück und warteten auf das vertraute“Kooom, bibibibib!“, mit dem ihnen ihr Futter angekündet wurde.

Anschließend gingen dann auch sie „die Trapp eroff“, nämlich die Hühnerleiter, die außen an der Scheunenwand zu dem Hühnerhaus „of da Schoua“ über dem warmen Stall führte. Danach wurde die an einer Schnur befestigte Hühnerklappe heruntergelassen.
Nach dem Füttern versammelte man sich auch im Haus zum Abendessen. Am häufigsten gab es Dickmilch mit Kartoffeln, manchmal Brot mit „Eiaschmeer“ oder auch „Stompes“ (Kartoffelbrei) mit Endivien oder „Mausohr“..
Und meist wurde es nicht allzu spät, bis es hieß: „Ich machen mich die Trapp eroff“, denn der nächste Tag fing wieder früh an.

„Kooom .. Bibibibib!“
Stadtkind als landwirt-
schaftliche Hilfskraft bei
Hiestasch Lien
Kleintierfütterung

Bild vergößern
Hanjupps Maria leistet
Überlebenshilfe