Die Zelser Bach und die alte Bauernmühle

Von der Zelser Bauernmühle gibt es kaum noch erkennbare Reste. Sie stand unten im Bachtal – etwa eine halbe Stunde Fußweg vom Dorf entfernt und ungefähr 500 Meter bachaufwärts von der Furt und dem Steg, die bei der alten Pumpstation über “ die Zelser Bach“ führen.
Der alte Bruchsteinbau hatte zwei kleine Räume: Der obere enthielt einen Tisch und eine Bank, die nachts auch als Schlafstätte diente. Von diesem oberen Raum aus wurde die in Säcken mitgebrachte „Frucht“ in einen Holztrichter geschüttet, der durch eine Öffnung in der Decke in den unteren Raum auf die Mühlsteine führte, welche von dem draußen übers Mühlrad geleiteten Bachwasser angetrieben wurden.

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Die Zelser Bauernmühle

An feuchtkalten Abenden brannten in einer offenen Feuerstelle dicke Holzkloben, Klötze, die sich nicht spalten ließen und die man daher beim Holzmachen eigens für die Mühle beiseitegelegt hatte.
Unterhalten wurde die Bauernmühle von der Mühlengenossenschaft – das waren die Bauern im Dorf, die „Frucht“, d.h. Getreide, anbauten.
Je nach der Getreidemenge hatten die Bauern eine bestimmte Anzahl von Mühlen-„Anteilen“. Ein „Anteil“ war ein Mahltag und dauerte einen Tag und eine Nacht; er konnte je nach Bedarf auch geteilt werden.
Die Mühlengenossenschaft wählte jedes Jahr den Millescholtes (Mühlenschultheiß), der die Mahltage für jeden Bauern ins Mühlenbuch eintrug. Man hatte ca. 3 bis 4 Mahltage im Jahr; die Mahltermine und die Dauer der Mahlvorgänge waren abhängig von Wasserstand oder Eis im Bach und vom Zustand der Zufahrtswege.

Um brauchbares Brotmehl zu erhalten, musste man das Korn bis zu 5 mal durch die Mühle schicken. Die ersten Mahlgänge ergaben nur Schrot oder Kleie fürs Vieh. Der letzte Mahlgang ergab eine Mehlqualität, wie sie in den von Müllern betriebenen Mühlen als „Nohmell“ („Nachmehl“) , d.h. Brotmehl 2. Klasse, geliefert wurde. (Davon wurden z. B. an Sylvester die „Näijeacha“ gebacken.)

Wer als Kind einmal über Nacht mit in die Mühle gehen durfte – oder mitgehen musste, um auf den steilen, aufgeweichten oder holprigen Wegen die Bremsen am Wagen zu bedienen (die Remm zosedrähe) und in der Mühle zu helfen, der hat dieses Abenteuer kaum je vergessen: Das klopfende Geräusch der Räder, Zahnräder und Mühlsteine im Dunkeln, der unheimliche Schein einer Öllampe zwischen Säcken, staubigen Spinnweben und herumhuschenden Ratten und Mäusen – das war schon ein aufregendes Erlebnis!

In den 30er Jahren wurde die alte Bauernmühle nicht mehr benutzt. Die Frucht wurde von den Müllern aus dem Bachtal, dem Rave-, Muhre- oder Junkersmüller, mit ihren Pferdefuhrwerken abgeholt und als Mehl zurückgebracht. Rapsöl wurde in der Ollischmill von Savels Kläs hergestellt.

Die ungleichmäßige Wasserführung des Bachs und die mühsamen Wege ins und aus dem Tal führten nach dem Krieg dazu, dass der Sabelsmüller 1950 seine idyllische Mühle aufgab und am Rand unseres Dorfes den großen Neubau errichtete, der zur einen Hälfte Wohnhaus ist, und in der anderen Hälfte die elektrisch betriebene Mühle beherbergt.

Bild vergößern Auf dem Wege aus der Mühle (1936)
Bild vergößern Die neue Sabelsmühle
seit 1950 in Zilshausen
Auch die aufwendige Arbeit des Brotbackens lag bald nicht mehr nur in den Händen der Bäuerin, sondern wurde mehr und mehr dem Dommascher Bäcker überlassen, der mit seinem geschlossenen, von einem Pferd gezogenen Wagen samstags „über die Dörfer“ fuhr. Für einen abgelieferten Sack Mehl bekam man von ihm eine entsprechende Anzahl Brotkärtchen, die man je nach Bedarf gegen Brot einlösen konnte. Das „Bäggasch-Brud“ war damals noch etwas Besonderes – fast wie heute das selbstgebackene Bauernbrot!
Im Krieg machte man den Weg zum Broteinkauf in Dommershausen so wie oft auch den zum Müller am Bach zu Fuß mit dem Rucksack.

Man bekam immer nur sehr kleine Mengen Mehl in der Mühle, die in der Zwetschenzeit kaum für den geliebten „Quätschekooche“ am Wochenende reichten; und wenn man sich dann bald wieder in die Mühle aufmachte, brummte Rave Johann (der Vater vom heutigen Zelser Müller) wohl: „Säid ihr schun wirra do?“

Die stillgelegte und zerfallende Bauernmühle war noch lange ein beliebtes Ziel für die Dorfkinder. Hier ließen sie selbstgeschnitzte Schiffchen schwimmen, stauten das Wasser hinter kleinen Dämmen und ließen es die selbstgebauten Mühlräder drehen.

Eine halbverfallene Mühle, Wasser, Wiese und Wald boten so viele Spielmöglichkeiten, daß ein langer Nachmittag wie im Fluge verging und man allzu bald den steilen Weg „die Hieh roff“ zum Dorf zurück musste.

Nicht weit von der Mühle wurde „in der Bach“ im Sommer die Wäsche ausgewaschen und gebleicht, die man vorher zu Hause im Kessel auf dem Herd – unter Zusatz von Soda oder von Holzasche – gekocht und dann auf dem Waschbrett gerubbelt und gebürstet hatte. Auf dem meist von zwei Kühen gezogenen Wagen wurde sie in Wäschebütten an den Bach gefahren. Außer Gießkannen wurde auch Eß- und Trinkbares mitgenommen, denn das Blaaje ( Bleichen) dauerte mehrere Stunden bis zu einem ganzen Tag. Bild vergößern

Es war eine sehr beliebte Arbeit: Wenn die Wäsche im Bach ausgewaschen und auf der Wiese ausgebreitet war, musste man sie durch Gießen naßhalten. Zwischen den Gießgängen aber hatte man Zeit genug, im Gras ze rooche (ruhen), ze sprooche (schwatzen) orra ebbes ze lässe (lesen).

Ein bis zwei Mal im Jahr fuhr man meist mit Wäsche an den Bach, und meist fuhren zwei Haushalte gemeinsam. Im übrigen wurde, bevor 1923 eine Wasserleitung das Wasser in die Häuser brachte, die Wäsche meist an der „Brunnestuff“ bei der Schule ausgewaschen. Bei einer letzten großen Wäsche vor dem Winter mußten dabei auch die Kartoffel- und andere Säcke gewaschen werden, die anschließend auf den Zäunen zum Trocknen hingen. (Säcke, vor allem die groben Leinensäcke fürs Mehl, stellten damals einen gewissen „Reichtum“ für die Bauern dar.)

Nach dem Krieg wurden auf Drängen der Hausfrauen zwei große elektrische Waschmaschinen im umgebauten Backes installiert, bevor die privaten Haushalte sich eigene Waschmaschinen anschafften.