Die „Kolonialwarenläden“ in Zilshausen , die Post und andere „Pöstchen“

Der letzte „Larre“ in Zilshausen, das Lebensmittel- und Kurzwarengeschäft von „Langs Rudi“ (R. Ketter) wurde 1994 geschlossen. Es war ein recht herber Verlust fürs Dorf, daß man nicht mehr schnell „bäi de Rudi“ gehen und seinen Haushaltsbedarf decken konnte. Das Angebot war erstaunlich differenziert und breit angelegt: von Tiefkühlkost und täglich frischen Brötchen bis zu Haushaltsartikeln, Textilien und Schreibwaren.Mir diesem Laden verschwand auch (nach dem Backes etc.) einer der letzten Orte der alltäglichen Begegnung und Kommunikation im Dorf.

Bild vergößernLangs Haus mit Lebensmittelladen Vorgänger dieses zuletzt recht modern ausgestatteten Dorfladens war über viele Jahrzehnte und bis Ende der 50er Jahre das Geschäft von Hiestasch Peda (P.Hesser) im Oberdorf Nr.10, auch „Hammesklose“ oder „Dietzens“ genannt. Letzteres bezog sich wohl auf das große Warenhaus Tietz, das bis zur Zerstörung in der Reichspogromnacht 1938 („Reichskristallnacht“) in allen größeren Städten die Stelle des heutigen „Kaufhofs“ einnahm.
Bei Hammesklose gab es alles, was damals nötig war:
„Bierekraut“ (Syrup) und Senf aus großen Eimern und Salzheringe aus dem Faß wurden lose in mitgebrachten Schüsseln abgewogen.

Zucker, Mehl, Nudeln und Sago für die Suppe befanden sich in den geräumigen Schubladen und offenen Kästen des braunen Ladenregals hinter der Theke und wurden in spitze Packpapiertüten abgefüllt. Das Salz stand in einem groben Jutesack hinter der Ladentür. Käse wurde meist nur zu besonderen Anlässen und „scheibenweise“ gekauft. (Im allgemeinen aß man, was die Eigenproduktion hergab: „Klatschkäs“ und „Schlee“ oder „Schmeer“ auf dem Brot, das heißt selbstgekochtes Gelee oder Kompott, sowie Wurst und Schinken aus eigener Schlachtung und abends vor allem „Gequallde met Deckmelich“, also Pellkartoffeln mit Dickmilch.) Butter brachte der „Melich-Pidda“ (Peter Kölzer bzw. Kläse Pidda) einmal in der Woche auf Bestellung aus der Kastellauner Molkerei mit. Sie wurde nicht bezahlt, sondern am Ende des Monats mit der abgelieferten Milch verrechnet.
Außer den Lebensmitteln gab es bei Hiestasch Peter auch die „Textilabteilung“ mit Nadeln und Garn, Gummiband, Schürzenstoff, Taschentüchern u.ä. In der Abteilung „Sonstiges“ bekam man Eisenwaren, wie Nägel und „Kehkerreme“ (Kuhketten), „Gasele“ (Peitschen) und dazugehörige „Schmegge“, das sind dünne Kordeln mit Knoten („Kneppe“), die vorn an der ledernen Peitschenschnur befestigt wurden und bei gekonntem Peitschenschwung den Knall auslösten, der das meist sehr bedächtige Gespann vor dem Fuhrwerk antreiben sollte.
Schließlich gab es im Laden die „Zuckersteincher“, die in ein paar großen Bonbongläsern lockten. – Wenn Kinder einkaufen kamen, haben sie immer ein Bonbon oder auch ein paar „Feschelcha eekreet“ ( = dazu gekriegt). Feschelcha, das waren kleine billige, aber begehrte, pastellfarbige Zuckerfische.

Die edleren Süßigkeiten, Nuß- und Blockschokolade oder Puffreisriegel, lagen meist unverpackt
in einer kleinen Vitrine, die auf der Theke stand, und wurden in einzelnen Rippen verkauft.

Es wäre ein verlockender, aber müßiger Versuch, alle Schätze aufzuzählen, die in dem kaum mehr als 16 qm großen Ladenraum Platz hatten und vor allem für die unverwöhnten Kinder der damaligen Zeit Gegenstand des Staunens und des Begehrens waren.
Nur die sperrigen Vorräte, wie das „Lainollischfaß“ zum Beispiel, wurden in der Scheune gelagert.

Denn außer dem Ladengeschäft betrieb die Familie natürlich auch eine Landwirtschaft. Diese lag allerdings hauptsächlich in den Händen von Sohn Hermann, bis der sich mit seiner Sargfabrik unabhängig machte. Peter Hesser selbst war für die Landwirtschaft weniger geeignet.
Als Kind hatte er einmal eine Zeitlang beim Pastor Lateinunterricht und war von dem damaligen Lehrer Mende für eine weiterführende Schule vorgeschlagen worden. Da diese damals aber immer auch mit dem Aufenthalt in einem Internat verbunden war, konnte sein verwitweter Vater, der fünf weitere Kinder zu versorgen hatte, das nicht finanzieren. –

Statt der Landwirtschaft betreute P. Hesser neben dem Ladengeschäft eine ganze Ansammlung von Posten und Ämtern im Dorf: die „Kasse“, die Post und die Küsterei – die beiden letzteren hatte er von seinem Vater Philipp H. übernommen -, und war zeitweilig auch Ortsbürgermeister. Daneben war er aber immer mit Leib und Seele Organist und Chorleiter und komponierte sogar eigene Stücke. „Er hat einmal ein wunderbares Magnifikat geschrieben und mit uns gesungen“, erinnert sich die spätere Kirchenchorvorsitzende Karola Michels, die zu den ersten gehörte, die als ganz junges Mädchen beim Chorsingen dabei war. Die Chorproben fanden damals „auf dem Backes“ statt, wo ein kleines Harmonium stand. Zu Hause hatte P. Hesser, musikalisch wohl weitgehend Autodidakt, ein mit bleibender Begeisterung benutztes Klavier, das das erste Instrument dieser Art im Dorf war und lange blieb. Peter Hesser
(Über einen spannenden Streit zwischen dem Küster und dem Organisten, Philipp und Peter Hesser, und dem damaligen Pfarrherrn berichtet die Chronik 1911)
Bild vergößernPeter Hesser

Zurück zu den Lebensmittelläden. Neben „dem Dietz“ erinnert man sich vor dem Krieg an zwei weitere -ebenfalls in kleinen Zimmern eingerichtete – Lebensmittelgeschäfte (bei Schweizers und Brodams), die aber jeweils nur für kurze Zeit bestanden und ein wesentlich weniger breites Angebot hatten.
Für Dinge, die im Dorf nicht feilgehalten wurden, musste man sich nach Kastellaun auf den Weg machen, zu Fuß, vielleicht mit dem Fahrrad oder – vor allem an Markttagen – mit dem Fuhrwerk. (vgl. Kapitel 7: „Michelsmarkt“)

Die Post

befand sich bis Anfang der 20er Jahre im Haus Nr. 18 gegenüber der Kapelle. Nach dem Tod von Philipp Hesser 1924 übernahm sein Sohn Peter die Post und verlegte die Poststelle in sein Haus Nr. 10 im Oberdorf.

Vor der ersten Poststelle Bild vergößern

Gruppenfoto im 1. Weltkrieg:
„Gardejäger“ Toni Hesser, seine Schwester Lien, Andrise Marie u. Schwägerin Marie Hesser mit ihren Kindern Hedwig, Hermann u. Paula

Seine Nachfolgerin war Frau Hildegard Schug, Haus Nr. 12 (später Balduinseck 1). Nachdem auch sie Anfang der 80er Jahre in Rente ging, wurde die Poststelle aufgelöst, und das Dorf wurde, wie die Dörfer der Umgebung, von Kastellaun aus „postalisch versorgt“.
Die Poststelle war vornehmlich für die Brief- und Paketabfertigung und -verteilung im Dorf und den Briefmarkenverkauf zuständig.
Allerdings war da schon sehr früh, ehe jedes Haus Telefonanschluß besaß, „dä Delefun“. Es war ein mittels eines Holzbretts an die Wand befestigter, vorsintflutlicher Telefonapparat mit einer Kurbel an der Seite. Durch ein dreimaliges kräftiges Drehen an der Kurbel konnte man die „Vermittlungsstelle“ in Kastellaun anrufen und sich umständlich „weitervermitteln“ lassen. Anrufe, die von Kastellaun an die zum Amt gehörenden Dörfer gerichtet waren, erkannte man an den unterschiedlichen Klingelzeichen. Klingelte das Telefon „dreimal kurz, einmal lang“ war Zilshausen gemeint.

Meistens wurde dann jemand aus dem Dorf „am Delefun“ verlangt, und der musste sofort – meist von einem Kind, das gerade in der Nähe war – „geroof wäre“ und saß dann wartend auf der Post oder in der Küche nebenan, bis der Anrufer sich mit „dreimal kurz einmal lang“ wieder meldete.

(Zum Thema „Post, Telefon und Verkehrsverhältnisse“ vgl. auch Chronik 1893/94 und 1909)