Die Irrfahrt des kleinen Hermann

Eine Kindergeschichte in den Wirren der letzten Kriegstage

Am Nachmittag des 13. März 1945 hatte der elfjährige Hermann Weins noch mit Freunden auf den Wiesen hinter der Kapelle gestanden, um die amerikanischen Granaten zu beobachten, die bereits in den Nachbardörfern Lieg und Lahr explodierten.
Gegen 9 Uhr abends schlug dann die erste Granate auch in Zilshausen ein. Sie traf das Haus Kipper und tötete dort zwei Menschen. Voller Schreck lief der Junge mit seinen beiden Tanten und deren drei Kinder – seine eigene Mutter war gestorben, sein Vater in den „Volkssturm“ eingezogen – sofort in den Keller von Brodams, der wegen seines Gewölbes als besonders sicher galt.
Etwa um Mitternacht schlug dann gerade in diesen Keller eine schwere Granate, und richtete unter den etwa 30 Schutzsuchenden ein großes Unheil an. (siehe Chronik: Die letzten Kriegswochen). Hermann wurde durch einen Splitter unter dem Auge verletzt, ein anderer traf seine linke Schulter und blieb dort stecken. Der bewusstlose Junge wurde von Soldaten nach oben in einen weniger zerstörten Raum gebracht, notdürftig verbunden und dann mit einem Leiterwagen ins Unterdorf zum Haus Kölzer gefahren, wo sich ebenfalls einer der massiveren Keller des Dorfes befand.
Am anderen Morgen flohen die Leute, die in diesem Keller Schutz gesucht hatten, wie die übrigen Einwohner des Dorfes hinunter zum Bach in den Stollen der Laiekaul. Hermann verblieb im Keller, bis ein Sanitätsauto vorfuhr, um ihn nach Beltheim zu bringen, wo sich ein Sanitätszelt der deutschen Wehrmacht befand. Dort erhielt er eine Spritze und bekam etwas zu trinken. Danach ging es direkt weiter zu einem Hauptverbandsplatz nach Wiebelsheim, wo bereits zahlreiche verletzte deutsche Soldaten lagen. Mit mehreren dieser Verletzten wurde er bald darauf ins Krankenhaus nach St. Goar verfrachtet. Hier blieb er einige Tage, und hier wurde ihm auch der Splitter aus der Schulter operiert.
Schließlich wurde er eines nachts mit einem LKW, der voll geladen war mit verwundeten Soldaten, über den Rhein und nach Nastätten gefahren, wo sich in einer Schule ein Hilfskrankenhaus befand. Hier blieb der Junge etwa sechs Wochen, um seine Wunden auszukurieren.
In dieser Zeit hatten die Amerikaner bereits das kleine Städtchen eingenommen. Von ihnen wurde Hermann dann bald entlassen und mit einem 21jährigen Mädchen aus Buchholz und einem Dolmetscher im Jeep hinunter nach Kamp an den Rhein gebracht. Mit einem Nachen setzten die beiden nach Boppard über und wanderten die acht Kilometer bergauf nach Buchholz zum Elternhaus des Mädchens. Hier blieb Hermann einige Tage.
Als am Wochenende ein Fuhrwerk mit Stroh aus Gondershausen nach Buchholz gefahren kam, nutzte er die Gelegenheit und fuhr auf dem Wagen mit zurück nach Gondershausen. Der Zufall wollte es, daß dort in der Sonntagsmesse zwei Besucher aus Sabershausen waren, die ihn am Nachmittag dorthin mit zurück nahmen.
Nun gab es für den Jungen kein Halten mehr: Noch am späten Abend wanderte er über die Felder weiter nach Zilshausen. Dort traf er nachts gegen 10 Uhr – sechseinhalb Wochen nach seinem Verschwinden – im ganzen wohlbehalten wieder auf dem Balneck ein: zur großen Freude der Zelser, die in all der Zeit nichts über seinen Verbleib hatten erfahren können und in der Kirche schon mehrfach für sein Leben gebetet hatten.
(Auf dem Kindergartenfoto von 1939, findet man „Mainats Hermann“ in der hinteren Reihe, 2-ter von links)