Bräuche und Feste im Jahreslauf

Über alte Bräuche ist in der Chronik (z. B. 1893-94: Sitten und Gebräuche und 1910: Alte Sitten und Gebräuche) schon einiges Interessante gesagt:
über Geburt, Taufe („Kindcheskermes“) und Hochzeiten,
über Sylvester und Neujahr,
über den „fetten Donnerstag“ und die Backesasche, Fastnacht und die Fastenzeit,
über Spinnstuben und anderes mehr

Weihnachten: Der Brauch, dass das Christkind mit zwei Engeln (dargestellt von Mädchen im letzten Schuljahr) am Heiligen Abend in die Häuser mit kleinen Kindern geht und sie mit den heimlich bereitgestellten Gaben beschert, besteht immer noch. Und an der gespannten Erwartung der Kleinen hat sich auch kaum etwas geändert.
Eine andere Sitte war (und ist es zum Teil noch), dass in der Heiligen Nacht ein Stück Brot vors Fenster gelegt wurde. Am Weihnachtsmorgen bekam jeder, Mensch und Vieh, etwas von diesem in der Hl. Nacht gesegneten Brot zu essen.
Der Brauch, dass es an „Chresdaach“ (wie auch zur Kirmes) das Zelser Nationalgericht gab, „Kappes on Erwes“ mit gekochtem Schweinefleisch, hat allerdings in den Zeiten verwöhnter Gaumen nicht allgemein überdauert.
– Ebensowenig wie die Sitte, dass in der Weihnachtswoche „de Patte-Weck getraa“ wurde, das heißt, dass der Pate oder die Patin (Pätt oder Geed) dem Patenkind (Pättche) das Patengeschenk brachte. Meist bestand es aus etwas Praktischem zum Anziehen, begleitet von einer Tüte selbstgebackener Plätzchen („Stretzeplätzja“ oder „Dorchgedrähde“, also Spritzgebäck, „Schwarzweißgebäck“, Lebkuchen und Spekulatius) und manchmal drei glänzenden Markstücken, die in einen blanken roten Apfel gesteckt waren.

Der Aberglaube, dass in den Zwölf Hl. Nächten zwischen Heiligabend und dem Dreikönigsfest keine Wäsche gewaschen und aufgehängt werden durfte, steckt noch bis heute irgendwo tief drin in den älteren Frauen hierzulande, obwohl kaum jemand den Grund für das strikte Verbot kennt. Die Gefahr für Leib und Leben bestand wohl darin, dass die neidischen bösen Geister in dieser Zeit unterwegs waren und die auf der Leine hängende Wäsche – vor allem auch Windeln – verhexten, damit sie im kommenden Jahr dem Haus Unglück oder Tod brächten.

Ostern: Auch am Ostermorgen gab es noch lange einen merkwürdigen Brauch:
Vor der Auferstehungsmesse zogen die Gläubigen mit Priester und Messdiener dreimal um die Pfarrkirche herum. Jedes Mal schlug dann der Priester mit dem Kreuz an die verschlossene Kirchentür und rief – jeweils in etwas erhöhter Tonlage: „Lumen Christi!“
Darauf antwortete von drinnen der Kirchenchorleiter: “ Dank sei Gott!“ Dann wurde von innen die noch dunkle Kirche geöffnet, und man ging hinein zum Gottesdienst.
Der Name dieses Osterbrauchs, „den Jaunus jagen“, ist vermutlich eine Verballhornung von „den Judas jagen“.
Der Brauch entspricht der u.a. auch in der Eifel verbreiteten alten Sitte, den „Judas“, den Verräter, symbolisch auszutreiben, zu verbrennen, vom Kirchturm zu stürzen etc.
Er ist wohl als einer der Bräuche im Umkreis der Karwoche zu sehen, die auch mit den alten Ritualen des Winteraustreibens in der Fastnachtszeit zusammenhängen, dem Maskentreiben, Knallen, Herumziehen und Strohpuppen verbrennen, die den Winter symbolisieren.

Leider ist eine alte Sitte eingeschlafen, die vielleicht ähnliche Wurzeln hatte. Bis in die 70er Jahre noch zogen die Kinder in den Kar-Tagen morgens, mittags und abends mit Klappern und Rumpeln durchs Dorf, um die schweigenden Kirchenglocken zu ersetzen, die, so hieß es, nach dem Gründonnerstagsgottesdienst „nach Rom reisten“ und erst zur Karsamstagsfeier „wieder zurückkamen“.
Der Lärm, den die Kinder dabei mit ihren Holzklappern und umgehängten „Rombelekäste“ hervorbrachten, wurde rhythmisch unterbrochen von einem Sprechgesang:

Mittags hieß es am Karfreitag: und am Karsamstag:
„Meddaach, Hannekraach „Meddaach, Hannekraach
iwwamoa es Ustadaach“ annere Daach es Ustadaach“

Morgens und abends rief man stattdessen zwischen dem Rumpeln: „Ave Maria!“ (wobei das „i“ von Maria hoch und langgezogen intoniert wurde).

Die Kirmes: Ein Höhepunkt im Dorfleben war zweifellos die Kirmes, das Patronatsfest, das am Sonntag (nach) dem 22. Juli, dem Tag der Hl. Maria Magdalena, stattfand.
Am Abend vor der Kirmes war fast aus jedem Haus jemand „am Poss-Oudu“, um die Kirmesgäste abzuholen, die von auswärts „heim“ kamen. (z.B. aus dem Ruhrgebiet, dem „Nirraland“ – vgl. dazu Chronik 1924/25). Auf dem Treppchen vor „Hammesklose“ (vgl. Bild), der Haltestelle des Postautos, drängten sich vor allem neugierige und aufgeregte Kinder, die ihren Besuch erwarteten. Die Spannung erhöhte sich zusätzlich, wenn die Zahl der Kirmesgäste so groß war, dass der Bus zweimal die Tour zwischen dem Kardener Bahnhof und Zilshausen zurücklegen musste. War „der Besuch“ dann endlich ausgestiegen, wurde er von den frisch gewaschenen und gekämmten Kindern stolz in Empfang genommen und durchs Dorf nach Hause geführt, und die Kirmes konnte beginnen.
Es war Sommer, die Ernte hatte meist noch nicht begonnen, Strassen und Höfe waren gekehrt, und fast alle Häuser im Dorf waren frisch getüncht. Die Kirmeskuchen waren gebacken, das Essen vorbereitet und die Stuff zum Empfang der „Kermesläit“ hergerichte. Auf dem weißgedeckten Tisch durfte der große Kirmesstrauß in der Glasvase nicht fehlen. Meist waren es bunte Dahlien aus dem Garten. Die Kinder freuten sich am meisten, wenn am Backes, auf dem Hof von Langs oder von Backes-Hiestasch Mina ein kleines Karussell oder eine Schiffschaukel aufgebaut war. Fast immer gab es eine Schieß- oder Wurfbude und für die ganz Kleinen die „Rabbelekatz“, den Tisch mit dem Glücksrad, an dem man für wenige Pfennige herrliche Kostbarkeiten gewinnen konnte: „Armbanduhren“ mit buntem Gummibändchen, Fingerringe mit farbigen Glassteinen, Nuckelfläschchen mit Liebesperlen für die Puppen, quäkende „Meeksja“ („Quietsch-Dinger“), kleine Autos und „Poppcha“ aus Zelluloid oder Pappmaschee – oder „en Krell“, eine Halskette, aus bunten Perlen. (‚Krelle‘ bedeutet Halsketten oder einfach Perlen – und das Wort kommt wahrscheinlich von Koralle).

Außerdem gab´s auf der Kirmes natürlich das, was man in normalen Zeiten nur sehr selten bekam: „Zuggasteincha“, „Waffele“ und „Schogelad“.
Nachmittags flanierten – selbstverständlich im Kirmesstaat – die Einheimischen mit ihren Kirmesgästen auf der Dorfstraße. Das war ein gegenseitiges Wiedererkennen, Begrüßen, Fragen und Erzählen. Denn fast alle hatten sie gemeinsame Erinnerungen an Kindheit und Jugend, und viele traf man ja nur einmal im Jahr: an der Zelser Kirmes.
Für „die Jugend“ stand natürlich Langs Saal im Mittelpunkt. Die Aussicht auf die „Mussik“, wo man im neuen Kirmeskleid zur „Life-Musik“ der „Schnälbächer“ Musikanten tanzen und flirten konnte, sorgte vor allem bei den Mädchen für gespannte Vorfreude. Es gab aber strenge Regeln: Wer gerade erst aus der Schule entlassen war, durfte nur am Nachmittag „of de Danzborrem“. – Dabei war doch die Musik am Abend, wenn auch all die Tänzer und die Mädchen von den Nachbardörfern kamen, besonders interessant.
Beim Kirmesausklang am Dienstagabend waren die Zelser, auch die Älteren, meistens unter sich, und es ging noch einmal ganz gemütlich und lustig zu in Langs Saal. (Über weniger freundliche Begleiterscheinungen beim Tanzvergnügen berichtet die Chronik an anderen Stellen.)
Nach der Kirmes wurde das Wahrzeichen, der ca. 15m lange Kirmesbaum, versteigert bzw. verlost.
Früher – vor dem Ersten Weltkrieg – wurde er feierlich „zu Grabe getragen“. Mein Vater, Hiestasch Toni, erzählte einmal schmunzelnd davon, wie er damals mit Piese Hannes-Pidda am Ende der Kirmes rittlings auf dem Kirmesbaum gesessen habe, der von den übrigen jungen Burschen „unter Absingen von Litaneien“ durchs Dorf getragen wurde.

Nach dem Krieg entstand der Brauch, dass die jungen Leute am Kirmesmontag mit Musik durchs Dorf fuhren.
1973 fand das ein jähes Ende durch einen schlimmen Unfall, bei dem ein junger Mann aus Sabershausen (Ernst Weiler) ums Leben kam.

Kirmesumzug 1955
Auf dem Traktor von l. n. r.:
Otto Escher, Werner Kochhan, Hermann Gräf, HermannWeins – auf dem Anhänger die Kapelle aus Schnellbach, die „Schnäälbächa“

Bild vergößern

Nicht nur die großen Festtage waren im Kalender „festgelegt“, sondern für viele Dinge gab es im Ablauf des Jahres ganz bestimmte Termine und Bräuche. Einige davon sollen hier erwähnt werden:

So musste zum Beispiel das im Winter geschlagene Holz bis zum Johannistag, dem 16. Mai – also bevor die umstehenden Bäume wieder grün wurden und bei der Arbeit verletzt werden konnten – ausgeputzt und aus dem Wald geholt sein.
Das Holzsägen hatte im Frühjahr, ehe die Feldarbeit anfing, auch seine Zeit. Das Holz durfte weder zu grün noch zu fest geworden sein.

Um „Bädaach“ (Bettag), den 17. Mai, fuhr man zum erstenmal aufs Feld Grünfutter holen.

Am 2. Juli geht man nach alter Tradition auf die Wallfahrt nach Bornhofen. (Näheres darüber steht in der Chronik 1990: Bornhofen-Wallfahrt.)

Nach der Rückkehr von Bornhofen hieß es: „Et Haimache werd gestallt“.
Das heißt, dass die Wiesen für das Heumähen freigegeben waren. Dieser offizielle Termin war notwendig, weil zu den durch Erbteilung immer kleiner werdenden Wiesenstücken kein direkter Weg mehr führte. Der Zugang war nur durch Nachbargrundstücke hindurch möglich. Um Flurschaden zu vermeiden wurden die Wiesen einer bestimmten Flurlage (so wie an der Mosel die Weinberge) an einem bestimmten Tag für alle „geöffnet“.

Kirmes war am oder nach dem 22. Juli, dem Maria-Magdalenen-Tag.

Am 25. Juli wurden „die Äppel gesalzt“ (die Äpfel am Baum entwickeln jetzt erste Säure und Geschmack und werden essbar). Zuständig dafür war St. Jakobus, denn der 25. Juli war der „Jakobstag“.

Am 15. August, an Mariä Himmelfahrt, wurde in der Kirche der „Kräuterwisch“ gesegnet, den die Kinder in den Tagen zuvor auf den Feldern und Wiesen gesammelt hatten.
25 „Kräuter“, andere sagten 75 Kräuter aus Garten, Feld und Wiesen gehörten hinein.
Auf keinen Fall fehlen sollten die Königskerze (Zwellichstang), das Weidenröschen (die Hergottsgaasel), das Hergottkissen (der Schlafapfel, das wollige Wuchergewebe an wilden Rosen, das durch die Rosengallwespe ausgelöst wird) und das Johanneskraut.
Der gesegnete Kräuterwisch wurde auf dem Speicher aufgehängt und bei besonders schweren Gewittern verbrannt.
An Mariä Himmelfahrt war auch Mörzer Kirmes, eines der beliebtesten Kirmesfeste in der Umgebung. Der Fußweg dorthin durch Wald und Bachtal war vor allem für die Jugend ein willkommenes „Muß“.

Am 29. September ist St. Michaelstag, und am ersten Mittwoch im Oktober, fand in Kastellaun der „Michelsmaat“ statt, wo Vieh gekauft und verkauft wurde und der neben dem „Beller Maat“ im Juni eines der großen Ereignisse für die ganze Umgebung war.

Mittags aß man „beim Magnus“, in der alteingesessenen Kastellauner Metzgerei, eine warme Fleischwurst mit Weck. Der kleine Gastraum war voll von Leuten und von Stimmengewirr. Danach ging oder fuhr man mit den auf dem Markt gekauften Neuerwerbungen – Tieren, Werkzeug, Stoffen, Haushalts- und Kleidungsstücken – wieder nach Hause.

St. Martin, am 11.November, war der Termin, an dem die Pacht bezahlt und Knechte und Mägde eingestellt oder entlassen wurden und an dem das Martinsfeuer angezündet wurde.

Ende November, wenn die Felder gepflügt und eingesät waren, wurde dann „de Floar zogemach“. (vgl. dazu Kapitel 6: „et Haimache wird gestallt“)